Archiv der Kategorie: Europa

Was nun? (10.11.2016)

Alles wird schwieriger, alles wird weniger vorhersehbar, ach es ist ein Jammer!

Wenn man die in den Medien geäußerten Meinungen verfolgt, dann gewinnt man den Eindruck, die Welt wisse nicht, wohin sie nach Trumps Sieg den nächsten Schritt setzen soll.

Versuchen wir’s:

Wir wissen, dass Trump viele Menschen gewählt haben, deren Jobs ins Ausland gelagert worden waren, die von der Politik vernachlässigt worden waren und die in besseren Zeiten Tätigkeiten nachgegangen waren, bei denen keine hohen Anforderungen an die Bildung gestellt wurden.

Gegen die Abwanderung der Jobs können wir wenig tun, denn Venezuela zeigt es, sich den ökonomischen Tatsachen in den Weg zu stellen, bringt es nicht.

Natürlich können wir unsere Politiker dazu aufrufen, sich um die Vergessenen zu kümmern, aber ob das helfen wird, zumal wenn wir mal genau hinschauen, wer denn unsere Politiker sind?

Clinton (Bill) hatte hinter seinem Schreibtisch ein Schildchen aufgehängt, auf dem stand als Erinnerung „It’s the economy, stupid!“

Das sollte ihn daran erinnern, dass nichts gut funktioniert, wenn nicht der Rubel rollt. Offenbar hat er sich den Aufruf zu Herzen genommen, denn seine Präsidentschaft war wirtschaftlich äußerst erfolgreich.

In der globalisierten Welt kann man als nationaler Politiker wenig tun, um das fine-tuning der Weltwirtschaft zu beeinflussen. Helmut Schmidt hatte das erkannt und sich kühn zum ersten Weltökonomen aufgeschwungen.

Allerdings gibt es eine Zutat der Suppe, die zu Trumps Erfolg führte, die jeder einzelne Politiker, vom Bürgermeister bis ganz oben, allein, souverän und erfolgreich beeinflussen kann:

IT’S THE EDUCATION, STUPID!

Bildung bleibt am Menschen sein ganzen Leben kleben. Man kann Bildung nicht wie Arbeitsplätze wegrationalisieren oder auslagern.

Aber man kann Bildung nutzen, um die wegrationalisierten oder ausgelagerten Arbeitsplätze durch qualifiziertere zu ersetzen. Wenn die Jobs, die wenig Bildung brauchen, wegfallen, muss man halt die Bildung anheben, um die Menschen in die Jobs zu bringen, die höhere Qualifizierung voraussetzen.

Es muss gelingen, den Vergessenen, den Bildungsfernen und den Arbeitslosen in der dritten Generation die Gewissheit zu geben, dass es sich lohnt, sich ausbilden zu lassen.

Gebildete haben nicht als einziges Argument den ausgestreckten Mittelfinger, auch laufen sie nicht montags Demagogen hinterher. Wenn unsere demokratischen Regierungen in Europa das nicht erkennen, dann wird die Trump‘sche Saat auch in Europa aufgehen und statt der ersten Frau als US Präsidentin werden wir in Paris die erste Madame la Présidente erleben (von anderen ganz zu schweigen).

 

Stassbourg im Mai 1871

Nun gehörte Elsass-Lothringen schon zwei Monate zum Deutschen Reich, da wurde Monsieur La Garde, ins Hauptquartier berufen.

„Herr La Garde“, begann der Kommandant, „wie Sie wissen, sind Sie jetzt Untertan seiner Majestät des Kaisers. Ich frage mich, weshalb sie nach wie vor auf Ihrem französischen Namen beharren.“

„Monsieur le Commandant, ich will Ihnen mein Problem erklären. Seit Jahrhunderten heißt meine Familie La Garde. Wir sind stolze Elsässer. Als solche sind wir an die Wechselhaftigkeit der Zeitläufte gewohnt, unser Familienname aber ist geblieben.

Denn sehen Sie, wenn ich jetzt meinen Namen eindeutsche, werde ich Wache heißen. Dann, Sie werden verzeihen, kommen die Franzosen zurück, und man wird mich „Vache“ nennen.

Dann kommen die Deutschen zurück und ich werde Kuh heißen.

Dann kommen, Sie werden verzeihen, die Franzosen zurück und mein Name wird Cul sein.

Und wenn abermals die Deutschen zurückkommen, dann werde ich Arsch heißen.

Quand même, Monsieur le Commandant!

Dr. Martin Luther

Seit frühester Jugend lebe ich mit Dr. Martin Luther. Einer der ersten Filme die ich sehen durfte, handelte von ihm. Er wurde im mondänen Thüngen gezeigt, denn im hinterwäldlerischen Rentweinsdorf gab’s kein Kino.

Was mir denn geblieben sei, wurde ich gefragt, und ich machte vor, wie Bruder Martin seine Zelle schrubbte. Immer wieder musste ich das meinem Großvater vorspielen, so dass ich bald davon überzeugt war, zumindest besser schrubben zu können, als der Reformator.

Später diente er mittels eines Spruches dazu, die Mädchen zu ärgern:

„Dogder Maddin Ludder ging mit seiner Frau auf die grüne…“ und da musste man ein Mädchen in den Arm zwicken, damit der Schmerzensruf den Reim vervollständige.

In der Volksschule nahmen wir ihn durch, im Gymnasium dreimal im Geschichtsunterricht und mindestens zweimal im Religionsunterricht. Man könnte also annehmen, dass ich Lutherexperte sein müsste.

Weitstfehlung!

Uns wurden immer nur die Dönsges von „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ist gleich Mannesmut vor Fürstenthronen erzählt. Die Sache mit dem Tintenfass brachte unsere Großmutter manchmal statt einer Gutenachtgeschichte und dass seine Frau in einem stinkenden Fass aus dem Kloster geflohen war, war ja witzig, brachte uns aber keinen Millimeter näher an das Verstehen heran, weshalb Luthers Lehre so brisant war, dass sie eine Kirchenspaltung und Kriege vom Dreißigjährigen in Deutschland bis zu dem in Ulster geführt hat.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, die Kirchen wieder zusammenzuführen. Auf der evangelischen Seite des „Runden Tisches“ saß mein Urgroßvater und als alle Versammelten darlegen sollten, weshalb der eine katholisch und der andere evangelisch sei, sagte dieser, als er an der Reihe war: „Ich bin evangelisch, weil meine Eltern auch evangelisch waren.

Damit hatte er zwar den Nagel auf den Kopf getroffen, wurde aber dennoch wegen erkennbarem Mangel an geistlichem Tiefgang aus der Kommission entlassen.

Ich wette, dass die wenigsten Katholiken oder Lutheraner wirklich wissen, weshalb sie ihrer Konfession angehören. Wenn ich mit der gleichen Liebe und Zuwendung katholisch erzogen worden wäre, wie ich evangelisch erzogen wurde, ich bin sicher, ich wäre ein ebenso glücklicher Mensch geworden.

Allerdings denke ich, dass ich womöglich doch an meinem Luthertum verzweifelt wäre, hätte man uns von seinem Antisemitismus erzählt, hätte man davon berichtet, wie er sich so hinlegte, dass die Decke der Macht ihn auch schön warmhielt.

Dank des Nichtwissens musste ich nie zweifeln. Es war ja meine Familie gewesen, die nach dem Motto „cuius regio eius religio“ der untertänigen Bevölkerung den neuen Glauben verordnet hatte. Es wäre ja direkt Nestbeschmutzung gewesen, an Luther zu zweifeln.

So ein Schmarrn!

Man halte es mit Fridericus Rex, der sagte, jeder solle nach seiner eigenen „façon“ glücklich werden. Das setzt aber voraus, dass jeder Einzelne sich überlegt, ob es ihm genügt, seiner Konfession anzugehören, weil schon die Eltern ich angehört haben.

Tradition ist da der falsche Maßstab, Herabwürdigung des anderen erst recht. Womöglich aber wäre es für alle Christen, auch für mich, förderlich, sich einmal etwas näher mit Luther zu beschäftigen. Denn man kann natürlich sagen, er sei der Böse, der die Kirchentrennung provoziert hat. Man kann aber ebenso natürlich sagen, das Schisma sei notwendig gewesen, weil sich die römische Kirche damals als reformunfähig erwiesen hat.

Was wir dabei nicht aus den Augen lassen sollten, ist und bleibt, für die Einheit der Christen zu arbeiten.

Mein ketzerischer Ansatz dazu seit Jahren:

Die Einheit der Christen gelingt nur dann, wenn man den Theologen verbietet, daran mitzuwirken.

Wir haben die Kinder zuerst losgeschickt

Neulich war ich in Palma de Mallorca mit Freunden zum Abendessen verabredet: Tapas in der Calle de la Fábrica n° 1, sehr zu empfehlen.

Nach Einigem Hin und Her kamen wir auf das Unvermeidliche: Die Flüchtlinge. Schnell waren wir uns einig, dass die derzeitige Entwicklung in Afrika, aber insbesondere im Nahen Osten zwar ein außenpolitisches Problem geblieben darstellt, sich aber Tag für Tag mehr in die Innenpolitik der europäischen Länder einschleicht und durchaus zu einem destabilisierenden Faktor in so manchem Land werden kann.

Ich berichtete dann von meiner Erfahrung mit Flüchtlingen in Berlin und insbesondere von denen, die ich mit meinem Mündel sammeln konnte. Der junge Syrer ist ja, man erinnert sich, zu den Behörden gelaufen, um zu Protokoll zu geben, er habe das Vertrauen in mich verloren, als ich mich weigerte, für ihn um einen besseren Asylstatus Klage zu erheben. Dieser Status hätte es ihm ermöglicht, seine Eltern nachzuholen.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass er zwar aus Syrien geflohen war, aber keineswegs für ihn oder seinen mit geflohenen volljährigen Bruder Gefahr für Leib und Leben bestanden hatte, nachdem er mich gefragt hatte, wann er denn endlich seinen eigenen Laptop bekäme und er meinte, die Unterbringung in einem Hotel sei ja wohl wirklich nicht adäquat und ich solle für ein Häuschen sorgen, war ich zu der Überzeugung gelangt, dass es sich bei ihm um einen Wohlstandsflüchtling handelte, den man vorgeschoben hatte, damit danach die Gesamtfamilie nachkommen könne.

Ich habe da nicht mitgespielt, weil ich fand, ich würde damit der Destabilisierung Europas aufhelfen. Außerdem fand ich, dass der junge Mann sich noch weniger integrieren werde, wenn um ihn herum nur arabisch sprechende Familienangehörige wohnten.

Bei diesem Punkt der Unterhaltung platzte meiner Freundin der Kragen und mit ziemlich lauter Stimme fuhr sie mich an:

„Ja,wen glaubst denn du, haben wir zuerst losgeschickt? Die Kinder natürlich! Die mussten überleben. Und wenn alles gut gegangen wäre, hätten sie ihre Familien nachholen können. Das ist aber meistens nicht gelungen und die Zurückgebliebenen kamen in den Gaskammern um. Meine Großmutter hat meinen Vater im letzten Augenblick auf die andere Straßenseite geschubbst. Sie wusste, dass sie ihr Kind nie wieder sehen würde, aber so hatte es eine Chance zum Überleben! Glaubst du denn, dass die syrischen Familien anders denken?“.

Ich machte noch einige wenig überzeugende Verteidigungsversuche und musste dann zugeben, dass ich mir die Sache so noch nicht überlegt hatte.

Wenn man keine jüdische Großmutter hat, wenn die Familie nicht von Stalin verfolgt wurde, dann haben wir keine Überlieferung von Flucht, zumal dann, wenn die eigene Familie seit Jahrhunderten in Franken gesessen hat. Meine pommerischen Verwandten sind auch geflohen, aber sie sind wenigstens nicht ins Ungewisse geflohen.

Wir haben generell kein kollektives Wissen von Flucht und ihren Gründen. Wir können uns das alles vorstellen, vielleicht sogar verstehen, aber wissen können wir das nicht.

Ich bin seit diesem Gespräch extrem verunsichert:

Habe ich richtig gehandelt?

Was können wir besser machen?

Was müssen wir besser machen?

CETA, was nun?

Offenbar ist CETA jetzt in trockenen Tüchern und Europa atmet auf, weil die weltweite Blamage unseres Kontinents halbwegs überschaubar geblieben ist.

Viel hörbarer aber atmen die Kanadier auf. Sie verzweifeln allmählich an den Eigentümlichkeiten des Marktes und des Rechtsystems ihres südlichen Nachbarn. Deshalb suchen die Kanadier dringend alternative Märkte. Da bieten sich die unterentwickelten Handelsbeziehungen zu Europa von sich aus an.

Aber Friede, Freude Eierkuchen?

Beileibe nicht! Gerade wir in Europa müssen nun endlich die Pobacken zusammenkneifen und daran arbeiten wieder handlungsfähig zu werden.

Das müsste damit beginnen, zuerst zu denken und dann zu belfern. Siegmar Gabriel hat mit seinem Ausspruch „unglaublich töricht“ die Misere ins Rollen gebracht. Womöglich hatte er ja damit sogar Recht. Als Junker einige Tage nach dem Brexit Votum sagte, der umstrittene CETA Vertrag werde von der EU ohne Mitwirkung der Mitgliedsstaaten unterzeichnet, griffen sich viele an den Kopf. Wenn beide geschwiegen hätten, wären beide weise gewesen.

Allerdings liegt das Übel der EU nicht in einigen Aussprüchen begründet. Man hat den Eindruck, dass weltweit auf einmal die „Vergessenen“ aufschreien und ihre Möglichkeiten zu irritieren entdecken. Die Wähler der AfD, die Wähler Trumps sind deutlich „Vergessene“, die sich bisher ausgeschlossen fühlten oder sich selbst ausgeschlossen hatten. Für Letztere Annahme spricht, dass die Wahlbeteiligung angestiegen ist, seit man AfD wählen kann.

Nun aber entdecken ganze Regionen ihr Irritationspotential und das kann, bei aller potentiellen Berechtigung und unbestreitbarer Legitimität, kein Handlungskonzept für Europa sein.

Auf Ibiza habe ich einmal für einen Klienten von vier verstrittenen Brüdern ein Stück Land mit Haus gekauft. Das gelang erst, nachdem ich mit Wissen des Käufers jedem der Brüder eine halbe Million Peseten gepfötelt hatte. Jedem einzelnen schärfte ich ein, er dürfe den anderen nichts davon sagen, so wäre er der Einzige, der unterschriebe und mehr bekäme als die andern. Es hat geklappt.

So fragwürdig geht es manchmal auf dem EU-Markt zu.

Jetzt sind die Briten draußen. Sie haben nie verstanden, dass die EU mehr ist, als ein vergrößerter Binnenmarkt. Bevor wir jetzt daran gehen, die EU-Instanzen zu modernisieren, muss es gelingen, die Wirtschaft der europäischen Staaten wieder anzukurbeln. Ich sehe da besorgt auf die PIGS Staaten (Portugal Italien, Griechenland Spanien). Einen arbeitslosen Jugendlichen werden wir nie für Europa begeistern. Aber die Rattenfänger, die sich je nach nationaler Konjunktur am linken oder am rechten Rand bewegen, haben mit diesen „Vergessenen“ leichtes Spiel.

Ich bin da mit Helmut Schmidt, der einmal sagte, er sei für ein Prozent mehr Inflation, wenn damit ein Prozent weniger Arbeitslosigkeit erreicht würde. Er selbst wusste, dass das wissenschaftlich wenig fundiert war, dennoch möchte ich diesen Gedanken dem Sparkurs à la Merkel oft entgegenhalten. Sparen kann nur der, der was zum Sparen hat.

Man kann nur hoffen, dass das, was Europa in den vergangenen Tagen und Wochen erlebt hat, ein Anstoß sein wird, damit zu beginnen, wieder an Europa zu glauben und wieder an Europa zu arbeiten.

 

Die Wiege Europas – ein Gefängnis

Gestern trafen sich Merkel, Hollande und Renzi auf der italienischen Insel Ventotene. Dort haben Pertini, Spinelli und andere das Manifest „Für ein freies und vereintes Europa“ verfasst. Sie waren dort als Gefangene Mussolinis festgesetzt. Das Gefängnis befindet sich nicht auf Ventotene, sondern auf einem Felsklotz etwas östlich davon, auf der Insel Santo Stefano.

Das Gefängnis wurde 1795 erbaut, Architekt war Francesco Carpi. Es war das erste Gefängnis, das mit einem Konzept gebaut wurde: Es sieht aus wie ein oben gedeckeltes U. Der „Deckel“ diente als Verwaltungsgebäude, die Zellen befanden sich im U selbst. Nun könnte man denken, ein Gefängnis mit Meerblick habe zumindest, was den Meerblick angeht, sein Gutes und Schönes. Hier aber kommt das Konzept ins Spiel: Der britische Philosoph Jeremy Bentham hatte die Idee entwickelt, Gefängnisse aber auch Fabriken so zu errichten, dass sie von einem zentralen Überwachungsturm im Idealfall von einem einzigen Menschen überwacht werden konnten. Der Blick nach draußen war verwehrt, indem die Fenster so weit oben angebracht waren, dass zwar Licht hineinkam, der Häftling aber nicht hinaussehen konnte. Die Idee hat bis in unsere Tage den Bau von Gefängnissen beeinflusst, man denke nur an die strahlenförmigen Haftanstalten „Modelo“ in Madrid und die JVA Moabit: wo die Zellentrakte in der Mitte zusammenkommen, das ist der Ein-Mann-Überwachungsturm.

Im Falle von Santo Stefano beinhaltete das Konzept auch, dass angenommen wurde, der Gefangene, der keinen sehnsüchtigen Blick auf´s Meer werfen kann, sondern nur den zentralen Überwachungsturm anstarrt, gehe eher in sich, da er ja nicht abgelenkt werde. Das war wohl ein Denkfehler.
Erstaunlich, ja erschütternd ist, dass die Italiener dieses Gefängnis erst 1965 aufgegeben haben.

Die Gefängniswärter wohnten mit ihren Familien auf der Insel Ventotene, sozusagen dem Vorhof zur Hölle.
In der Hölle selbst machten sich die antifaschistischen Widerständler Gedanken über die Zeit nach Mussolini, was angesichts der Trostlosigkeit ihrer Lage beachtenswert ist.