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Das Recht bleibt das Recht

Mein Freund Heiner Süselbeck hat neulich vorgeschlagen, ich solle doch mal über den 94. Psalm nachdenken.

Das habe ich getan und will zunächst einen kleinen Teil des Psalms hier zitieren:

„Denn der Herr wird sein Volk nicht verstoßen noch sein Erbe verlassen. Denn Recht muss doch Recht bleiben und ihm werden alle frommen Herzen zufallen.“

Dieser alttestamentarische Text ist wunderbar für diese Tage. Er gibt allen Menschen Hoffnung. Allen, die gläubig sind und allen, die nicht gläubig sind.

Er sagt nämlich nichts weniger als, dass – nenn es Herr, nenn es Natur – stets dafür sorgt, dass es weiter geht. Meine Mutter hat das immer in ihrer direkten Art so formuliert:

„Du musst nicht denken, dass sich der liebe Gott mit seiner Schöpfung so viel Mühe gemacht hat, um jetzt alles kaputt gehen zu lassen.“ Das war für mich stets ein riesiger Trost, wenn draußen Blitz und Donner wüteten und ich zitternd vor Angst in meinem Bett lag.

Und so kann uns das auch jetzt ein großer Trost sein, denn das Corona Virus wird sicherlich Vieles verändern, aber es wird danach weitergehen, womöglich nicht mit jedem von uns, aber die Welt wird nicht untergehen, dazu hat sich die Natur bisher viel zu viel Mühe mit ihr gegeben.

Nur, was hat das mit dem Recht zu tun? Das klingt geradezu so, als hätten wir ein Recht darauf, dass die Welt nicht untergeht, was insofern etwas absurd klingt, weil wir Menschen in den vergangenen Jahrzehnten alles unternommen haben, damit sie tatsächlich untergeht.

Nein, ich verstehe das anders. Die Bundeskanzlerin hat das neulich in ihrer Ansprache sehr deutlich gemacht: Bei allen notwendigen Eingriffen des Staates in die bürgerlichen Rechte, diese müssen bestehen bleiben. Recht muss Recht bleiben, auch dann, wenn der Staatskörper fast alle seine physischen und finanziellen Kräfte auf die Bewältigung der Corina Krise verlegen muss.

Das berühmte „whatever it takes“ hat eben seine Grenzen. Auch in Zeiten extremer Krisen ist nicht alles erlaubt. Die essentiellen Grundrechte müssen weiter gelten, Recht muss Recht bleiben und ihm werden alle frommen Herzen zufallen. Aber nicht nur diese. Es werden dem Recht alle die zufallen, die erkannt haben, dass das Recht dann wie ein Chinin Panzer, also wie ein Außenskelett für die Gesellschaft wirkt, wenn für viele Mitmenschen der eigene, der innere Halt wankt. Das Vertrauen darauf, dass es rechtens zugeht, bringt uns dazu, solidarisch handeln zu können, Egoismus hintanstellen zu können und er macht es uns möglich, keine Angst haben zu müssen.

Man muss nicht gläubig oder Mitglied einer Kirche sein, um zu erkennen, dass die Bibel ein Kompendium ist, in dem uraltes Wissen angehäuft ist, das auch irgendwie die Basis unseres Denkens und Handelns geworden ist.

Nur so eine Idee: Statt sich zu langweilen in diesen Tagen, kann man auch mal wieder in der Bibel lesen. Zum Teil ist das durchaus vergnüglich, denn gerade im Alten Testament geht es streckenweise zu wie im Bahnhofsviertel.