Vor einigen Monaten ist mein Lateinlehrer, Günther Leyh, gestorben. Er würde sich wohl sehr wundern, erführe er, dass ausgerechnet ich etwas über ihn schreibe. Ich war wohl sein schlechtester Schüler. Jede Lateinstunde kam mir, schon bevor es losging, wie eine Strafe bevor. Vokabeln zu pauken, sich verzwickte grammatikalische Formeln zu merken, das war nicht Meins.
Ich mochte Latein nicht, war faul und wurschtig. Aber ich mochte meinen Lateinlehrer. Uns verband schon unsere fränkische Muttersprache, mit der er mich, den mit dem Vokabeldefizit, anzuspornen versuchte: „Ohne Wördder kein Ladein!“ Damit hatte er vollkommen recht, dennoch gelang es ihm nicht, mich für die Sprache Ciceros zu begeistern.
Er hat oft Aufsicht geführt, wenn wir Arbeitsstunde hatten. Während ich mich durch allerlei Hausaufgaben quälte, saß er vorne am Pult und las lateinische Texte. Ganz ruhig liefen seine Augen über die Zeilen. Manchmal nahm er den roten Stift, der parallel neben dem Buch lag und strich etwas an. Ich bewunderte ihn und ich beneidete ihn auch etwas. Dennoch, per aspera ad astra, das vermied ich tunlichst. Manchmal ärgerte ich ihn, weil ich unzählige lateinische Zitate draufhatte, von plenus venter über si tacuisses bis zu aurea prima aetas und hic Rhodos. Er brummte dann: „Hans wennst ner Ladein so gut könntst wie dei Sprüch.“
Ich erinnere mich an zwei Gelegenheiten, die meine Bewunderung für ihn ins Unermessliche wachsen ließen:
Herr Leyh hatte Geburtstag, und wir fanden es eine gute Idee, ihm aus unseren Grammatikbüchern einen Steg von der Tür bis zum Pult zu legen. Er kam herein, stutzte kurz und ging dann an den Büchern vorbei zu seinem Platz. Dann hielt er uns einen kleinen Vortrag darüber, dass man das, was man liebt nicht mit Füßen treten dürfe. Beschämt sammelten wir unsere Lehrbücher wieder ein.
Das andere Mal ereignete sich am 21. April 1967. Am Morgen hatte er in den Radionachrichten gehört, dass in Athen die Obristen geputscht hätten. Sie seien dabei, eine Militärdiktatur einzurichten. Er nahm das zum Anlass, uns zu erklären, was es bedeutet, in einer Demokratie leben zu dürfen, dass wir das der griechischen Kultur verdankten und dass es beschämend und zutiefst traurig es sei, wenn ausgerechnet in Griechenland die Demokratie unter der Knute des Militärs untergehe. Er nahm sich für all das die gesamten 45 Minuten der Lateinstunde Zeit. Es war eine Vorlesung in Staatsbürgerkunde, die ich nie vergessen werde. Ich glaube, es war damals am 21. April 1967, dass ich begann zu verstehen, was Demokratie, was Citoyen, was Rechtsstaat ist. Darüber hinaus war es meine schönste Lateinstunde, denn Latein kam nicht vor.
Unvergessen ist auch die Sache mit dem Brand m Waiglhaus, der von der Heimfeuerwehr, der ich angehörte, bravourös gelöscht wurde, Herrn Hackenberg sei Dank.
Kurz vor diesem Ereignis kam ein neuer Musiklehrer nach Schondorf, Herr Dannenbauer. Zuvor hatte Frau Leyh diesen Posten inne. Der Gedanke liegt nahe, dass Herr Leyh dem neuen Mann distanziert gegenüberstand. Ich war damals im Chor und wir studierten ein modernes, durchaus schwieriges Stück ein. In der Morgenfeier am Tag nach dem Brand wurde es vorgetragen. Danach hörte man Herrn Leyh laut schimpfen:
„Des Waichlhaus brennd runder und in die Morchenfeier singa sa gicks und gacks.“
Ich hoffe, dass die himmlischen Chöre seinen Musikgeschmack besser treffen. Verdient hätte er`s.