Nachhilfe in Kommunismus

Mein Großvater in Thüngen war von 1930 bis 1932 Mitglied des Berliner Reichstages. Er war dorthin für eine kleine Partei gewählt worden, die „Deutsch Landvolk“ hieß und wahrscheinlich ebenso wenig bedeutend war, wie der Aufenthalt meines Großvaters in der Politik. Ich nehme an, dass es ihm in erster Linie darum ging, in den politisch wankenden Zeiten der Weimarer Republik eine Partei zu repräsentieren, die eindeutig dafür war, dass der landwirtschaftlich genutzte Boden in Privathand blieb.

Meine Mutter kam damals in die Schule und als die Kinder nach dem Beruf der Väter gefragt wurden, hatte sie keine Ahnung, was ihr Vater in Berlin trieb. Als der Bub, der vor ihr an der Reihe war, erklärte, sein Vater sei Fleischbeschauer, sagte die Tochter des Reichstagsabgeordneten in ihrer Not: „Mein Vater ist auch Fleischbeschauer“. Später berichtete sie davon, was ihr Vater aus Berlin erzählte. Das waren insgesamt zwei Geschichten. Die erste erzählte er mit gewissem Stolz, denn während einer der ersten Sitzungen des Parlaments habe ihn die kommunistische Politikerin Clara Zetkin angesprochen und gesagt: „Na, Herr von Thüngen, haben Sie schon bemerkt, was das hier für ein Sauladen ist?“ Offenbar war er geschmeichelt, dass ihn die berühmte Politikerin angesprochen hatte.

Die andere Geschichte, die ebenfalls nicht von politischer Bedeutung ist, spielte sich in der Bahn ab und ging so: „Als der Zug in Halle hielt, rief ein Mann andauernd auf dem Bahnsteig „warme Würstchen, warme Würstchen. Das Geschrei ging uns ziemlich auf die Nerven, bis sich der Kollege Meyer-Darmstadt aus dem Fenster lehnte und dem Mann zurief: „Heiße Meyer.“

Wenn mein Großvater schon nicht in die Annalen des Deutschen Reichstages eingegangen ist, so hat er doch immerhin den Anekdotenschatz der Familie bereichert.

Ich habe mich mit meinem Großvater nie über Politik unterhalten. Ich nehme an, dass er durchgängig CSU gewählt hat, weil auch diese Partei dafür war, dass der landwirtschaftlich genutzte Boden in Privathand blieb. Wofür er sonst noch war, wurde nie ganz klar artikuliert, immerhin war vollkommen unstreitig, dass er vom Kommunismus nichts, aber auch gar nichts hielt. Da half auch keine Clara Zetkin nicht.

Letztlich interessierte sich mein Großvater nur für zwei Dinge, das aber mit Leidenschaft: Die Jagd und die Landwirtschaft. Mein Vater, der in erster Linie etwas vom Wald verstand, hatte mit seinem Schwiegervater, den der Wald ausschließlich als Habitat für Hirsch, Reh und einiges nicht jagdbares Getier interessierte, nur ein sehr begrenztes Fenster gemeinsamen Gesprächsstoffes.

Eines Tages, ich war schon Student, stellten beim Mokka nach dem Mittagessen ein Onkel -ein weiterer Schwiegersohn – und ich fest, dass der gewesene Politiker keine Ahnung davon hatte, was Kommunismus ist, außer natürlich, dass Clara Zetkin ihm anhing und im Übrigen aufs Schärfste abzulehnen war. Dies schon allein deshalb, weil die Kommunisten nichts davon hielten, den landwirtschaftlich genutzten Boden in Privathand zu belassen.

Ich gebe zu, es war eine der vergnüglichsten „Käffchenzeiten“ in Thüngen, mitzuerleben, wie mein Onkel, der mindestens so konservativ war wie sein Schwiegervater, unter Verleugnung seiner selbst versuchte, der Lehre von Karl Marx Eingang ins Thüngener Burgschloss zu verhelfen. Seinen Bemühungen war allerdings nur bescheidener Erfolg beschieden. Schließlich rief er in letzter Verzweiflung in den Raum, an dessen Wänden Hirschgeweihe, das Gehörn kapitaler Rehböcke, ja sogar der ausgestopfte Kopf eines Mufflons hingen, hinein:

„Das Sein bedingt das Bewusstsein, kannst du das verstehen?“

„Natürlich, denn wenn ich nicht der Baron Thüngen wäre, hätte ich keinen Wald und dann würde mich die Jägerei auch nicht interessieren.

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