Du müsstest Buße tun!

Nach dem Mittagessen gingen wir immer hinunter ins Erdgeschoss, um bei unserer Großmutter „Käffchen“ zu trinken.

Dazu war es wichtig, die Sprachregelung zu kennen, denn für sie war Kaffee, der in kleinen Kannen serviert wurde, Mokka und Milch aus kleinen Kännchen Sahne. Es hätte Blümchenkaffee oder entrahmte Milch sein können. Es blieb bei Mokka und Sahne.

Es wurde alles besprochen, was so anlag, allerdings gab es zwei Themen, die immer wieder hochkamen. Das war zunächst der Umstand, dass sich unsere Großmutter darüber beklagte, immer weniger zu sehen. Die andere Sache, die sie sichtlich mehr bewegte, waren ihre Kommentare über zwei Familienmitglieder, die sie nicht ausstehen konnte.

Eigentlich war sie das Liebenswerteste und Verzeihendste, was man sich nur vorstellen konnte, aber diese beiden Herren der Schöpfung waren bei ihr unten durch. Ganz egal ob sie ein neues Auto kauften, beim Ehebruch erwischt wurden, einfach mal wieder ihre Unfähigkeit bewiesen hatten oder verdientermaßen gefeuert wurden, in den Augen und den Schilderungen unserer Großmutter waren sie nur schwer von Beelzebub zu unterscheiden. Sie ließ kein gutes Har an ihnen und betonte das auch immer wieder.

Damals waren die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten eng gesetzt.

Wenn ich das richtig einschätze waren für Großmutter diese Grenzen eigentlich die des preußischen Exerzierreglements. Da konnte man sich keine Extravaganzen erlauben, wer nicht spurte flog halt raus aus dem weiten, liebenden Herzen der alten Dame.

Das mit dem Augenlicht machte mir als kleines Kind schon Sorgen. Wir „Kleinen“ durften zwar zum Käffchen mitkommen, bekamen aber keine eigene Tasse. Meistens blieb es bei einem mit Kaffee vollgesogenen Stück Würfelzucker.

Damals kam unsere Großmutter jeden Abend die zwei Etagen nach oben, um uns dort vorzulesen. Besonders liebte ich die Geschichte um Klein Pea von Pearl S. Buck. Das war ein chinesischer Bub, der in einem Haus mit Fenstern aus Papier wohnte. Seine Lieblingsnascherei waren Tangulurs, mit Schokolade überzogene trockene Feigen auf einem Spießchen. Unser Entzücken war unbeschreiblich, als wir Großmutters bekannte Schritte auf dem Flur hörten und sie dazu wie der chinesische Händler „Tangulurs, Tangulurs“ rief. Den Schokoladeüberzug hatte sie, um Krach mit unserer Mutter zu vermeiden, weggelassen.

Wenn Großmutter immer schlechter sehen konnte, was passiert dann mit dem Vorlesen am Abend?

Glücklicherweise gab es ein Procedere, das sowohl die Augenprobleme als auch ihren Brass auf die beiden Taugenichtse regelmäßig auf Normalniveau brachte. Alle vier Wochen etwa, beklagte sie sich, nun wirklich nichts mehr zu sehen und die beiden Bösewichter hätten mal wieder gezeigt, wie Recht sie doch mit ihrer Einschätzung hätte.

Das war der Moment, dass unser Vater seiner Mutter sanft die Brille von der Nase zog und sie von einer undurchdringlichen Schicht von Staub und Fliegendreck befreite.

So wurde stets und wirksam die Operation am grauen Star verhindert. Wenn dies gelungen war, nahm Vater ihre Hand in die seine und sagte:

„Du musst beiden dankbar sein, dass sie immer wieder beweisen, Spitzbuben zu sein. Stell dir vor, es würde sich plötzlich herausstellen, beide wären ehrlich, treu, erfolgreich und wahrheitsliebend. Du müsstest ja Buße tun, weil du wider beide jahrelang falsch Zeugnis geredet hättest.“

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