Im Juli 1967 überfuhr ein Mann auf dem Weg zur Frühschicht einen Hasen. Da das im Wald zwischen Rentweinsdorf und Salmsdorf passierte, war klar: „Der Hos ghörd den Rodenhon“. Der Fahrer nahm den Hasen mit. Nach der Arbeit, sprich acht Stunden im Auto an der Sonne, brachte er das tote Tier zum Förster Elflein, wie sich’s gehört.
Nachdem der Hase ausgenommen war, wollte der Forstmann das wilde Tier dem Haushalt meiner Eltern zuführen, wurde aber auf dem Schlosshof von unserer Großmutter abgefangen, die den Hasen an sich nahm. Eine ihrer Töchter lebte im Schwelm, irgendwo im Ruhrpott oder so. Klar, dort lebte man recht und schlecht und Hasenbraten gab es auch nie.
Der Hase wurde wie er war, in zwei Ausgaben des Fränkischen Tags gewickelt, in einen Karton gesteckt und am nächsten Tag, einem Freitag, zur Post getragen.
Zugestellt wurde das Tier erst am Montag, da war es schon sechs Tage tot. Das Paket roch und als die Empfängerin es auspackte, kam ein stinkender, von Maden befallener Feldhase zum Vorschein.
Es war ekelhaft. Mit der einen Hand klemmte sie sich die Nase zu mit der anderen warf sie das ganze Paket in die Abfalltonne. Bald schon beschwerten sich die Nachbarn und so musste im eher kleinen Garten ein Begräbnisplatz für den Hasen gefunden werden. Das Verpackungsmaterial wurde verbrannt.
Nachdem all dies vollbracht war, rief unsere Tante ihre Mutter an und verpasste ihr einen Anpfiff, der noch lange Wellen schlagen sollte. Sie habe die ewige Fürsorge bis an die Hutschnur, das sei erniedrigend, wenn man andauernd suggeriert bekäme, es ginge einem schlecht und Mann und Kind nagten am Hungertuche, und dann auch noch mit der Post einen toten Hasen zu schicken! Nein, sie verbäte sich das und wenn das nicht aufhöre, würde sie ihre Enkel niemals wiedersehen, das volle Repertoire halt.
Großmutter war geknickt und gleichzeitig erbost, denn so konnte man mit ihr nicht umspringen. Zu unserem Vater sagte sie, sie habe es doch nur gut gemeint. Der machte die Sache auch nicht besser, indem er ihr antwortete, gut gemeint sei das Gegenteil von gut.
Die alte Dame schmollte und wollte die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Was macht man in so einer Situation? Man schreibt an den Postminister. Das war damals Werner Dollinger, aus Bad Neustadt. Zwar war er nicht der Abgeordnete des Wahlkreises Bad Kissingen, aber immerhin lebte er in seinen Grenzen.
Sie berichtete ihm von dem Missgeschick, von dem verdorbenen Hasen, von der späten Zustellung erst am dritten Tag und das das alles doch ein Skandal sei. Der Brief gipfelte in der Feststellung, beim Kaiser sei derlei nicht vorgekommen.
Und was machte der Postminister? Nicht etwa beauftragte er seinen Referenten der wohl etwas wirren Absenderin klarzumachen, dass nach dem Postbeförderungsgesetz tote Tiere nicht verschickt werden dürfen.
Nein, damals wussten Postminister noch, was sich gehörte. Er schrieb einen persönlichen Brief und entschuldigte sich namens der Bundespost für den ungeheuerlichen Vorgang.
Großmutter hatte nichts anderes erwartet.