Mein Vetter Schorsch und ich trafen uns am Bahnhof in Bamberg. Nachdem mein e-bike in der Woche zuvor geklaut worden war, hatte ich mir ein Kurzausgabe mit kleinen Rädern gemietet, meine beiden Satteltaschen wirkten unelegant und klobig.
Als sich die Türen des ICE aus München öffneten, schob Schorsch eine mittlere Lokomotive auf den Bahnsteig: riesige breite Reifen, schwarz-matte Lackierung und auf dem Tender zwei Satteltaschen und zwei Rucksäcke. Ich kam mir deutlich „underequipped“ vor.
Den kulturellen Teil der Reise hakten wir gleich am ersten Tag ab: Bamberg in 22.000 Schritten.
Dann ging es den Baunachgrund hoch, Wasser, Zuspruch und Übernachtung gab es bei Verwandten. Über Pfarrweisach und Totenweisach erreichten wir schließlich Maroldsweisach. Alle drei Orte liegen an der Weisach, nur wer Herr Marold war, weiß keiner.
Ohne dem Ort nahe treten zu wollen, kann behauptet werden, dass die größte, wenn nicht einzige Attraktion des Ortes der Hartleb ist. Das ist eine Wirtschaft mit Brauerei. Letztere beliefert nur die Wirtschaft selbst und hat deshalb keine Abfüllanlage. Wer dem Hartleb sein Bier dennoch zu Hause genießen will, der kauft beim Wirt einen Dreiliterbembel, der am Zapfhahn befüllt wird.
Dem Hartleb seine Mutter stammt aus Losbergsgereuth und hat mit mir in Rentweinsdorf zusammen goldene Konfirmation gefeiert. Das sollte sich später als unser Glück herausstellen.
Schorsch bestellte eine Forelle und bekam ein vorzügliches Schnitzel. Die Dame, die dann seine Forelle aß, sagte, auch diese sei köstlich gewesen. Ich bestellte Wildschweinbraten und bekam Wildschweinbraten, auch vorzüglich. Obwohl alles sehr schnell serviert wurde, gelang es mir zwei Seidla vom Hartleb seinem süffigen Bier zu trinken.
Nach beendetem Mahl, während ich mit der Wirtin Erinnerungen an die Goldene Konfirmation austauschte, stellte Schorsch fest, dass sein Rad vorne einen Platten hatte. Aus dem ersten Rucksack holte er einen Ersatzschlauch und perfektes Werkzeug und aus der linken Satteltasche eine Luftpumpe, die er aber dann doch nicht fand.
Es war äußerst schwierig, den Mantel von Felgen zu lösen, zumal Schorsch den Verdacht hegte, der klobige Reifen könne eine zarte Seele haben. In einem unbewachten Moment trat ich mit dem Absatz auf den blöden Reifen und schon löste er sich vom Felgen. Unterdessen hatte die Wirtin ihrem Sohn das mit der goldenen Konfirmation erzählt, was ihn offenbar milde stimmte. Er erbot sich, uns seinen Kompressor zur Verfügung zu stellen. Nachdem wir den neuen Schlauch auf die Felge und unter den Mantel gepfriemelt hatten, schritten Schorsch und der Hartlebs Wirt in die Werkstatt, und füllten den Reifen mit Luft. Als beide wieder auf die Terrasse kamen, war das Monster wieder platt. Offenbar hatten wir einen nach Innen gerichteten Splitter übersehen.
Nun holte Schorsch aus dem zweiten Rucksack ein Reifenflickset heraus, während ich erneut den Moment nutzte, um mit dem Hacken auf den Reifen zu treten. Unterdessen hatten wir das Interesse der Gäste auf der Terrasse erweckt, von wo aus nun Ratschläge kamen:
„Erschd müssdä aaraua“.
Schorsch hatte Schmirgelpapier dabei. Ich bereitete derweil den Flicken vor. Nun holte Schorsch aus dem Vulkanisierkästchen die Vulkanisierpaste heraus und drückte auf die Tube. Nichts tat sich. Auch hineinstechen half nicht mehr, das Zeug, offenbar noch Qualität aus dem 20. Jahrhundert, war eingetrocknet. Zum Amüsement aller Gäste ging Schorsch nun von Tisch zu Tisch und fragte, ob jemand zufällig Vulkanisierpaste dabeihätte. Am Stammtisch wurde er bei einem älteren Herrn fündig, der uns das begehrte Gut lieh, aber fand, damit habe er ein Recht auf Beratung erworben:
„Ihä müssd den Schlauch drühm nein Brunna haldn, somsd wissdä doch ned, wu des Loch is.“ „Naa,mir ham scho draufgschbedsd.“ Ich wiederholte die Übung und zeigte ihm, wo die Spucke Blasen schlug.
Nach einer guten Stunde schweißtreibender Arbeit war alles getan, der Vulkanisierpastenspender bekam sein Seidla und wir fuhren nach Birkenfeld, dem Ziel unserer Etappe.
Zum Abendessen erschien Schorsch geduscht mit schicker Hose und Sakko. Jetzt wusste ich, wozu er die rechte Satteltasche brauchte. Ich kam zwar auch geduscht, aber statt kurzer nur mit zerknitterter langer Hose.