Silvester wurde bei uns in Rentweinsdorf nur so gefeiert, dass wir abends in den Jahresendgottesdienst gehen mussten. Der Pfarrer fand unweigerlich stets diese Worte: „In wenichen Minudden wird dieses Jahr zu Ende gehen und ein neues Jahr wird beginnen…“ Sapperlot, welche Erkenntnis!
Damit waren die Feierlichkeiten beendet, denn mein Vater sagte, als Forstmann habe er das Forstjahr zu begehen, startet am 1.Oktober. Gleichzeitig beginnt das Braujahr, das er als Eigentümer der Rotenhan Bräu, vulgo Göcherles Brüh, einhalten musste, dann kam am Vorabend des 1. Adventsonntags schon das ihn als Kirchenpatron betreffende Kirchenjahr und zu Petri begann damals noch das landwirtschaftliche Jahr. „Ich weigere mich, auch noch das Kalenderjahr begehen zu müssen.“
Sprachs und verschwand gegen 22 Uhr ins Bett. Die Silvesterabende waren quälend.
Mit der Zeit stellte ich fest, dass man in Thüngen, im Haus meines Großvaters, Silvester krachend feierte, obwohl auch dort Kirchenpatron, Brauerei, Forstwirtshaft und Landwirtschaft betrieben wurden.
Die Feierlichkeiten begannen damit, dass wir nicht in den Jahresendgottesdienst gehen mussten. Stattdessen gab es ein opulentes Abendessen und danach wurde bei ausreichend Wein bis Mitternacht gespielt. Alles lief harmonisch ab, solange wir darauf achteten, dass meine Patentante beim „Karddln“ gewann. Es wurde aber auch „Ja-Nein-Fleckerweis“ gespielt und mein Vetter Schorsch und ich versuchten immer wieder, die Haare unseres Großvaters lila zu färben. Es gab dafür ein Pulver, dass dem alten Herrn auf den Kopf gesprüht werden musste, so dass lila eigentlich nur die Glatze wurde.
Zu Mitternacht prostete man sich zu, fiel sich in die Arme und hoffte auf bessere Zeiten. Und dann kam ein Moment, an den ich noch heute mit zwiespältigen Gefühlen zurückdenke: Es wurde Blei gegossen.
Das war in Rentweinsdorf nicht nur unüblich, es war verpönt, da heidnisch. Unsere Eltern waren sehr fromm und alles Okkulte war abzulehnen da des Teufels. Es gab nur eine einzige Ausnahme: Es wurde als wahr angesehen, dass die Schlosserbauerin Wilhelmine (née Seckendorff) in der ersten Nacht, die meine Schwester als Neugeborenes im Schloss verbrachte, als Geist im Reifrock an ihr Bettchen getreten war. Sie hatte in einem Jahr acht ihrer sechzehn Kinder verloren und Neugeborene waren seit über 60 Jahren nichtmehr im Haus gewesen. Das galt als ausreichende Legitimation fürs rumgeistern. Aber Bleigießen, das war abzulehnen. Es führe auf der Direttissima ins Verderben, führten die Eltern aus, denn wenn einer ein Rad gösse, dann setze sich eine Obsession im Hirn des Gießers fest, die unweigerlich zu einem womöglich fatalen Fahrrad- oder Autounfall führen werde. Das Böse sei stets präsent, lauere hinter jeder Ecke und deshalb dürfe man sich ihm – auch in seiner Erscheinungsform des Bleigießens – nicht nähern.
Nach einigem Zögern goss ich natürlich doch mehrere Löffel flüssiges Blei ins kalte Wasser. Meistens wurden meine Gebilde als Adler erkannt. Die daraufhin erwarteten schulischen Höhenflüge blieben allerdings regelmäßig aus. Ich fand daraufhin das mit der spukenden Ahnin erheblich okkulter.
Weit schon im Neuen Jahr gingen wir etwas wankend ins Bett und mussten nicht in den Neujahrsgottesdienst. Das besorgten meine in Rentweinsdorf gebliebenen Geschwister. Wenn wir um 11 Uhr mit Brummschädel immer noch im Bett lagen, kam der Großvater ins „Bubenzimmer“ und hielt uns eine Standpauke, die immer so ging:
„Wenn wir abends ein Liebesmahl hatten, dann saßen wir um 6 Uhr in der Früh auf dem Rücken unserer Pferde und ritten hinaus zum Exerzierplatz.“ Wir duckten uns in die Kissen, ließen den Sturm über uns hinwegfegen und fragten uns, weshalb uns der Großvater davon erzählte, dass er, nachdem er abends einen Puff besucht hatte, morgens wieder topfit war?
Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass unter Offizieren ein „Liebensmahl“ als ausuferndes Besäufnis sehr beliebt war, übrigens ohne Begleitung von Damen jedweder moralischen Couleur..
An Öberschd, dem Fest der Heiligen drei Könige, kehrte ich in mein Heimatland zurück, pries und lobte die Thüngener für alles, was ich gehört und gesehen hatte.