„…Schließlich hatte es eine, wenn auch sehr mysteriöse jüdische Weltverschwörung gegeben, um Deutschland instabil zu machen, die Bürger und Bauern auszubeuten, das öffentliche Leben lahmzulegen, die Macht in Staat und Kirche an sich zu reißen. War das nicht so? Das Judentum hatte Deutschland den Krieg erklärt. Warum genau und wann, würde sich noch erweisen… Aber Deutschland war wachsam gewesen und hatte sich dagegen gewehrt, zu einem neuen Gelobten Land der Juden zu werden, die allerdings oft ihren Gott verleugneten und zum Beispiel protestantische Steuerzahler waren. Es war sehr kompliziert mit der Weltverschwörung, zumal sie so seltsam unspürbar gewesen war, wenn ein jüdischer Arzt einen Blinddarm operierte, eine jüdische Bank Zinsen gutschrieb, ein jüdischer Trödler Luftballons verkaufte.“
Dies ist ein kurzes Zitat aus dem Buch „Wiesenstein“, in dem Hans Pleschinski über die letzten Lebensmonate von Gerhard Hauptmann berichtet. (C.H.Beck)
Es ist frappant: Man muss nur „Juden“ durch „Moslems“ ersetzen und schon befindet man sich mitten drin in der täglichen Kampagne, die uns weismachen will, dass nicht nur Islamisierung drohe, sondern es von Seiten der Regierung in Berlin sogar gewollt sei, das deutsche Volk auszutauschen.
Klar, da hat man an der Spree von Bert Brecht gelernt, der nach dem 17 Juni 1953 schrieb: „… einfacher wäre es, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes.“
Der Satz war damals schon absurd und sollte es auch sein. Das hindert aber heute, 65 Jahre später, große Denker noch immer nicht daran, für Kleindenker Angsthäufchen in die Welt zu setzen, wonach bald der Muezzin vom Kölner Dom rufen werde und dem die Hand abgehackt werden wird, der im Supermarkt klaut.
„Der Islam ist keine Religion, sondern eine Weltverschwörung“ (s.o.) Das wird immer wieder gepredigt, in Befolgung der Lehrmeinung von Napoleon Bonaparte, wonach die einzig wirkungsvolle rhetorische Wendung die Wiederholung sei.
Wer schwingt sich da eigentlich auf zum „arbiter fideliorum“ auf und entscheidet, was Religion ist und was nicht?
Wer erlaubt es sich, die Bildungsfernen, die Hängengebliebenen, die Benachteiligten in Angst und Schrecken zu versetzen?
Wer kocht da ein ganz mieses autoritäres, antidemokratisches Blut- und Boden-Süppchen?
Es sind genau diejenigen, die auch in Österreich und Deutschland der 20er Jahre alles bekämpft haben, was anders war als vor 1918. Es sind genau die selben Zurückgewandten, die ehemaliger Privilegien beraubt, noch immer finden, Demokraten hätten die Schaltstellen usurpiert, die eigentlich durch Tradition und Herkommen ihnen zustehen.
Sie verachten das Volk. Aber sie hätscheln es, weil sie es brauchen. Sie spielen sich zu deren Beschützern und Bannerträgern auf, in der Hoffnung, dass es durch die ständige Wiederholung von Hass- und Angstszenarien gelingen werde, zunächst das Volk hinter sich zu scharen, um es dann endgültig entrechten zu können.
Hier sind aufrechte Demokraten gefragt, die jedes Mal widersprechen, die jedes Mal die Infamie der Rechtsextremen offenlegen, die es nicht zulassen, dass die Saat von Hass, Neid und Angst aufgeht.
Machen wir uns nichts vor: Die Nazis haben nur jahrzehntelang geschlafen. Nun wittern sie Morgenluft