Die Dankbarkeit und Pfarrer Rupprecht.
Es gibt wenig, was Kinder mehr nervt als dieses ewige „Hast du auch brav danke gesagt?“ nur weil ein liedschäftiger Onkel eine gebrauchte Quietschente aus der Manteltasche hervorgeholt hatte.
Als Kind muss man ja sogar dankbar sein für Sachen, die man gar nicht haben wollte, geschweige denn, sich gewünscht hatte. Ich denke da an selbst gestrickte Socken, Karpfen, Besichtigung des Rathaussaales von Miltenberg oder eine weitere Ausgabe der Bilderbibel.
Vanilleeis, Schokolade mit Nüssen drin, Besuch der Sandkerwa in Bamberg, Kasperletheater oder Karl May Filme, das gab´s natürlich nie.
Im Hainkino in Bamberg lief einmal einer von diesen in Jugoslawien gedrehten Karl May Filmen mit Pierre Brice und einem echten Ami als Old Shatterhand, Lex Barker. Wir wollten da natürlich hin. Unsere Mutter aber griff zum „Fränkischen Tag“ und las aus der Kritik vor:
„Unsinnige Schieß- und Prügelszenen…“ Das bestärkte uns in unserem Willen, geradezu unbedingt, hinzuwollen. Es gibt doch nichts Schöneres, als zwei Ganoven, die sich auf dem Gipfel eines steilen Berges in einer Schlammpfütze prügeln.
Wenn wir den Film hätten sehen dürfen, dann wären wir dankbar gewesen. Stattdessen zitierte unser Vater mal wieder aus den maghrebinischen Geschichten (Gregor von Rezzori), wonach Weib und Kinder in gebührender Dankbarkeit die Ermahnungen und Züchtigungen des Ehemannes und Vaters entgegenzunehmen hätten.
Mit der Zeit wurde das ganze Dankbarkeitsgedöns ja nicht besser, es wurde schlimmer: Wir mussten Latein lernen. In allen grammatikalischen Wendungen und Verästelungen hinein, wurde übersetzt, dass „gratus animus“ etwas sei, das nur der haben könne, der auch das notwendige moralische Rüstzeug mitbekommen habe. Mitbekommen hatte ich es offenbar nicht, denn beklommen stellte ich fest, dass ich fast nie für etwas dankbar war. Wie auch? Es gab ja bei 45 Minuten quälend langweiligem Lateinunterricht, an dessen Ende es immer Spitz auf Knopf zwischen der Note vier oder fünf stand, höchstens einen Grund zur Dankbarkeit, nämlich den, dass es keine Doppelstunde war.
Unsere armen Lateinlehrer konnten ja nichts dafür, aber außer bei den wenigen Masochisten, die vorgaben, die Oden des Horaz nicht nur zu verstehen, sondern daraus sogar Freude zu saugen, quälten sie uns über alle Maße.
Und dann kam auch noch der Pfarrer Rupprecht im Religionsunterricht. Er kündigte an, er wolle mit uns heute über Dankbarkeit reden. Geistig und körperlich rutschte ich auf meinem Stuhl in mich zusammen und versuchte nicht aufzufallen.
Es wurde dann doch recht interessant. Pfarrer Rupprecht wohnte in Utting am Ammersee. Es kam daher nicht selten vor, dass er einen Fisch, möglichst eine Renke, aß, so berichtete er. In Mehl wälzen und dann braten, davon hielt er nicht allzu viel, aber in viel Butter schwenken und dann geröstete Mandelscheibchen darüber, davon schwärmte er.
„Und dann blieb eine Gräte in meinem Hals stecken. Ich hustete, trank das Bier aus, schluckte Kartoffeln hinterher. Es nutzte nichts. In Panik verließ ich die Wirtschaft und rannte durchs Dorf bis zum Haus des Arztes, der natürlich auch gerade zu Mittag aß. Ich klingelte ihn heraus, und versprach ihm alle Schätze der Erde, wenn er mich nur von der todbringenden Gräte befreie. Der Doktor nahm eine Pinzette aus der sterilen Büchse, bat mich aaaa zu sagen, und holte die Gräte mit einem Griff heraus. 50 DM hat er dafür verlangt. Ich bezahlte in der Überzeugung, übers Ohr gehauen worden zu sein. Ihr seht, Dankbarkeit ist wie die Zeit, beide sind relativ.“