Irgendwann in den 60er Jahren bekam meine Mutter einen Brief aus Kabul. Der Postbote war ganz aufgeregt. „Des muss do bei die Dürgn sei“, meinte er.
Der Brief enthielt eine Einladung zur Konfirmation einer Patentochter. Die Familie wohnte in Kabul weil der Vater, Onkel Edi, Statthalter der UNESCO in Afghanistan war.
Damals reisten nach Kabul die Hippies in einem VW Bus. Afghanistan war weit, exotisch und unheimlich. Dennoch, oder gerade deshalb setzt meine Mutter sich in den Kopf, der Einladung zu folgen. Mein Vater erzählte überall, er habe den Hinflug finanziert…
Die Reise war kompliziert und teuer und irgendwie ergab es sich, dass in Teheran zwei Tage Station gemacht werden musste.
Später berichtete meine Mutter, sie habe vor dem Hotel gestanden, als ein blitzblanker Mercedes vor ihr hielt und ein sehr gut aussehender Mann entstieg.
„Der hat mir fei die Hand geküsst!“ erzählte sie. Er stellte sich als General der kaiserlichen Luftwaffe vor und erbot sich, der Fremden die Stadt Teheran zu zeigen.
Mercedes, Handkuss und militärischer Rang scheinen die Schlüssel zu Mutters Vertrauen gewesen zu sein, denn sie setzte sich in das Auto und man brauste los.
Der Cicerone war schrecklich stolz auf die Neubauten der Hauptstadt. Schließlich protestierte meine Mutter und bekam die folgende Antwort: „Modern Teheran does not interest you? So I will show the old stuff to you“.
Es bedurfte offenbar der Autorität des Generals, denn sie durften die eigentlich nicht zugängliche Schatzkammer des Schah ansehen.
Es muss überwältigend gewesen sein: Rohe, geschliffene, gefasste, ungefasste Edelsteine in allen Farben, Formen und Größen, Broschen, Kronen lagen ungeschützt im riesigen begehbaren Tresor. Eine Pracht sondergleichen.
„Der General hat schon gemerkt, wie mir die Hände zuckten“. Er hat sie nur angelächelt und gesagt: „Both of us, we are no criminals, aren’t we?“
„Er hat mich dann vollkommen unbehelligt am Hotel wieder abgesetzt. Nur einen Whisky wollte er an der Bar mit mir trinken. Ich hab ihn dann an Mohamed erinnert, und so blieb’s beim Tee!“
Am nächsten Tag saß auf dem Nebensitz der Pfarrer, der die Konfirmation durchführen sollte, so dass meine Mutter mit geistlichem Beistand in Kabul ankam.
Nach der Feier blieb sie noch ein paar Tage, und Onkel Edi zeigte ihr Land und Leute. Ich habe meine Mutter stets beneidet wegen dieser Reise. Afghanistan war damals schlichtweg das Sehnsuchtsland der Jugend Europas. Das war alles noch vor dem sowjetischen Einmarsch, der König regierte noch und die Buddhastatuen standen noch an ihrem Platz.
Onkel Edi war ein Sprachgenie. Wo auch immer er hin versetzt wurde, in kürzester Zeit beherrschte er die Landessprache. Nur Englisch, er hatte es auf dem Gymnasium in Nürnberg gelernt, sprach er mit breitestem fränkischen Akzent. Einmal vertrat meine Mutter Tante Iga, seine Frau, auf einem langweiligen Diplomatenempfang. Als er nach dem Verbleib der hochverehrten Frau Gemahlin gefragt wurde, antwortete er: „She is ill. She has a very low bloodbreshä.“
Als wir unsere Mutter in Frankfurt am Flugplatz abholten, brachte sie uns zu unserem unbeschreiblichen Entzücken für jeden eine dieser bestickten Schafsfelljacken mit. Mit einem Schlag waren wir alle mega in. Der Schafsgeruch war trotz mehrmaligem Reinigen nicht rauszukriegen. Viele Jahre später, als ich schon mit meiner kleinen Familie auf Ibiza lebte, hat meine Frau die Jacke hinter meinem Rücken entsorgt.