„Hinder Marro wohnd der Russ“, predigte die Dorett, die Köchin meines Großvaters. Das war unbestreitbar so, denn wenn man hinter Maroldsweisach rechts in einen Feldweg einbog, landete man nach wenigen hundert Metern am Stacheldraht. Von den Türmen wendeten sich Ferngläser und Gewehre in Richtung der Neugierigen.
Maroldsweisach liegt an der Weisach, wer der Herr Marolds war, blieb ungeklärt, war auch egal, denn alle sprachen nur von „Marro“.
An sich wäre das mit dem Russen hinter Maroldsweisach gar nicht so schlimm gewesen, aber in Marro endete die Bahnlinie von Bamberg. Das bedeutete, dass „der Russ“ dort am Bahnhof nur ein Billett lösen musste und über Voccawind – Todtenweisach – Pfaffendorf – Junkersdorf – Pfarrweisach – Fischbach – Eyrichshof – Ebern, schwupp war er schon in Rentweinsdorf. Das kostete ihn pro Mann 20 Pfennig und dauerte etwa eine Stunde.
Die Bummelbahn hieß im Volksmund „Marroganer“ oder „der Marroggo Express“. Die Personenbeförderung war nur ein Nebenprodukt, denn ursprünglich war die Bahnlinie gebaut worden, um den Basalt aus den Brüchen bei Marro und Voccawind abtransportieren zu können. Der letzte Zug fuhr in Bamberg um 22 Uhr ab. Er hieß „der Lumpensammler“, denn wer sonst hätte so spät noch in der Stadt zu tun gehabt?
Dort in Bamberg gab’s immerhin „die Ami“. Wenn die die Bahn genommen hätten, wenn der Russ kummd, wären sie genau in der Mitte, in Rentweinsdorf nämlich, aufeinandergeprallt und hätten unser Dorf in ein Schlachtfeld verwandelt.
Meine Angst vor den Russen war schier unbeschreiblich. Wenn irgendetwas im Dorf krachte, von der Flur der Schuss eines Jägers zu hören war, wenn die Kirchenglocken außer der Reihe läuteten, immer gab es einen, der im Diskant „die Russn kumma“ schrie.
Die Russen waren ja noch dazu Leute, die nicht an den lieben Gott glaubten, Kommunisten! Sie hatten unsere halbe Verwandtschaft, die im Osten Deutschlands gelebt hatte, vertrieben. Während „die Ami“ über den Ozean gekommen waren, nur um uns zu helfen! Und fromme Christen waren sie auch noch! Obwohl, ein paar von denen waren „Neecher“AA. Vor denen hatten wir zunächst ebenfalls Angst, aber es stellte sich heraus, dass die einem viel mehr Kaugummi schenkten, als ihre weisen Kameraden. Die Russen, die wussten ja nicht einmal, was Kaugummi ist, erzählte die Dorett.
Die verkürzte Wahrnehmung unserer jüngsten deutschen Geschichte, war damals gang und gäbe. Es wäre ja auch zu schwierig gewesen, zu erklären, wie das denn kam, dass „die Ami“ und „der Russ“ zunächst zusammen gegen die Deutschen gekämpft hatten. Wie auch?“ Die Deudschn warn ümmä die Gudn“, sagte die Dorett und keiner widersprach. Wozu auch? Es war ja so!
Mit zehn Jahren kam ich dann nach Schondorf am Ammersee ins Internat. Das war wohl meine Rettung. Die Angst vor den Russen ist mit auch dort noch jahrelang geblieben. Aber wenigstens wurden wir nicht in so hanebüchener Weise der Geschichtsklitterung ausgesetzt.
Der „Marroggo Express“ endet jetzt in Ebern. In Rentweinsdorf hält er nicht immer. Man muss zuvor etwas Wunderbares drücken: Die „Haldewunschdasde.“