Franken ist ein konfessioneller Flickenteppich. Vor 1806 bestimmte der Landesherr die Religion seiner Untertanen. Die Übermacht der Bischöfe in Bamberg, Würzburg und Eichstätt führte dazu, dass die kleineren Territorien, in denen Grafen oder Barone das Sagen hatten, evangelisch wurden.
Man war entweder dezidiert katholisch oder dezidiert evangelisch. Als in Thüngen, die kleinere katholische Kirchengemeinde einen eigenen Friedhof haben wollte, baute man darauf auch gleich eine Leichenhalle. „Da bassn fei drei Särch gleichzeidich nei“, gab eine der Bäuerinnen an. Darauf deren evangelische Nachbarin: „Na bassd ner schö auf, äss ihr des Ding immer gscheid voll habd, nacher semmer euch Kuddnbrunser bal los!“
Es herrschte kein Konfessionskrieg, aber man kannte und verstand sich gegenseitig nur wenig. Vielmehr foppte man sich, wo es nur ging. Wenn in der Fastenzeit im katholischen Ebern die Kirchenglocken schwiegen, dann läuteten die in Rentweinsdorf länger und lauter.
Und es konnte noch so heiß sein, wenn die Wallfahrer durch ein evangelisches Dorf zogen, dann hauchte der Heilige Geist „der Mussig“ neue Kraft ein und sie spielten was das Zeug hielt.
Mein Vater wuchs auf der Burg Lichtenstein auf und berichtete, dass es eine Stelle am Waldesrand gibt, von wo auch die „Waler“ zum ersten Mal Kloster Banz und die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen erblicken können. Dort wurde immer eine Dankesmesse gehalten. Er und seine Freunde versteckten sich im Gebüsch und beschossen mit Zwillen die Pilger aber in erster Linie die Blasinstrumente, weil da so schön „ping“ machte, wenn man traf.
Diese ganze Wallfahrerei war uns „Lutherböcken“ natürlich vollkommen fremd. Das hielt unseren Vater aber nicht davon ab, uns ausgiebig und immer wieder nach Vierzehnheiligen mitzunehmen. Jedem, der nach Rentweinsdorf zu Besuch kam, wurden mittels einer Kunstfahrt die Schönheiten Frankens gezeigt und da durfte der „Ballsaal Gottes“, den Balthasar Neumann, auf die linke Mainseite gestellt hatte, nicht fehlen. Die Sammlung der Votivgaben fanden wir als Kinder natürlich viel reizvoller als das atemberaubende Konzept der Wölbungen mit ihren schief gelegten Rippen, oder dem bis zur Grausamkeit realistischen Gnadenaltar. Jeder der vierzehn Heiligen hält „sein“ Folterinstrument in Händen. Vor dem Abbild des Heiligen Dionys ließ Vater uns immer im Halbkreis antreten. Er deutete auf den Mann, der seinen Kopf unter dem Arm trug, und wiederholte jedes Mal: „So werden eure Kinder einmal aussehen, wenn ihr Verwandte heiratet.“
Mich faszinierten die Devotionalienhändler, schon allein deshalb weil ich mich fragte, welchen heiligenden Zweck es denn haben soll, etwas zu kaufen, was im Zweifelsfall von einer Maschine hergestellt worden war. „Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“, stand auf einer Kerze. War das ein Bibelspruch? Also, in meiner Kinderbibel kam er nicht vor!
Immer besuchte ich eine besonders dicke Standlfrau und machte dort so lange rum, bis sie vorschlug. „No Bürschla, kaffst hald a Schnabsgläsla fern Vaddi.“ Ich amüsierte mich und gleichzeitig brandete in mir der „furor lutheranus“ hoch: Wie kann man Schnapsgläser neben betenden Händen oder Marienabbildungen verkaufen? Wir hatten den evangelischen Puritanismus eben mit der Muttermilch eingesaugt.
Letztlich aber blieb unser Wissen von der anderen Konfession auf dem Niveau dieses Kinderverses:
So bedn die Kadolischn (aneinanderlegte Hände)
So bedn die Efangelischn (gefaltete Hände)
So bedn die Oxn (aneinandergelegte Fäuste)
Und so gehd das Boxn (der Nebenmann bekam Prügel)