Schweinfurt

Der Name sagt es schon: diese Stadt war uns Kindern suspekt. Die haben ja nicht einmal einen Dom!

Man reiste damals wenig. Das machten nur Skandinavier und die Leute aus dem Ruhrgebiet. Wenn wir reisten, dann nach Thüngen, um dort Großvater, Tanten, Vettern und eine Cousine zu besuchen. Egal ob man hintenrum über Hofheim oder vornrum über Ebelsbach fuhr, schlecht wurde uns immer. Ich zog hintenrum vor. Dort kam man durch den Ort Löffelsterz, ein Solitär in der fränkischen Toponomie!

Immer, auch wenn wir mit der Bahn fuhren, mussten wir durch Schweinfurt. Zwischen Schonungen verlaufen parallel die Bundestrasse, die Schiene und der schiffbare Main. Es fehlte nur das Flugzeug, dann wäre alle Fortbewegungsmittel vereint gewesen. Wenn die Lokomotiven uns überholten, erklärte uns der Vater den Unterschied zwischen Dampf und Rauch. Da beides auf fränkisch „Qualm“ heißt, glaubten wir ihm nicht.

Schweinfurt hatte zwei Bahnhöfe, den Stadt- und den Hauptbahnhof. Wozu? Rentweinsdorf hatte doch auch nur einen, und die Metropole Bamberg auch? Aber immerhin, zwischen beiden Bahnhöfen ging es durch einen Tunnel, das versöhnte.

Die Stadt war vom Unglück verfolgt: Kaum war das im Krieg zerstörte Rathaus wiederaufgebaut, brannte es nieder.

Und dann gab es dort Industrie, richtige, riesige Fabriken. Wenn wir beim Fichtel und Sachs vorbeifuhren, schauerten wir, denn der Eigentümer hatte sich erschossen. „Weibergeschichten“ sagte die Mutter. Was das war, wussten wir nicht. Gleich daneben stand die Fabrik vom Kugelfischer. Darunter konnten wir uns was vorstellen, denn in Ebern gab es ein Zweigwerk und da arbeiteten die Väter vieler unserer Spielkameraden.

Schließlich, links von der Straße fuhren wir an riesigen Klinkerbau der SKF vorbei. Schwedische Kugellager Fabrik? Was sollte das denn? Hier war doch Franken!

Unsere Mutter erzählte, dass sie im Krieg jeden Morgen mit der Werntalbahn nach Schweinfurt gefahren war, um bei SKF zu arbeiten. Im Zug trafen sich immer die gleichen Leute, aber einmal stieg in Müdesheim ein Mann zu, der in Arnstein schon wieder ausstieg. Sein Aufenthalt in der Bahn wurde von den übrigen Passagieren misstrauisch und neugierig verfolgt. Als in Arnstein der Zug wieder anruckelte, fragte der Neuners Beder:

„Wer war denn des?“  Langes Schweigen, bis der Schneiders Frieder seufzte: „Unner Herrgodd wenn na ned bessä kennd wie du und iich, kummd er besdimmd nei die Höll.“

Und Schweinfurt hatte natürlich „die Ami“. Es gab sie in Bamberg in Würzburg und in Schweinfurt. Es war beruhigend, sie hier zu wissen, denn die Russn lauerten ja gleich hinter Maroldsweisach.

Dessen ungeachtet hatten die Schweinfurter Ami einen schlechteren Ruf als die in BA und WÜ. Es kam immer wieder zu Messerstechereien. Es wurde berichtet, in der Kaserne würden sich verfeindete Clans „mid die Messer zwischn die Zähn“ verfolgen. Wir glaubten das erneut erschauernd, Schweinfurt war alles zuzutrauen.

Und dann wollte Georg Schäfer, der Chef von Kugelfischer, für seine Gemäldesammlung ein repräsentatives Haus. Als er erfuhr, dass Mies van der Rohe, sein Schwiegersohn, das wegen Fidel Castro nie verwirklichte „Bacardi Project“ in der Schublade hatte, bat er ihn nach Schweinfurt. Der weltberühmte Architekt schaute sich die Sammlung und dann die Stadt an, dann fuhr er mit dem Abendzug wieder weg.

Das „Bacardi Projekt“ baute Mies van der Rohe später als „Neue Nationalgalerie“ in Berlin, und Eingeweihte waren schadenfroh. Einen solchen Jahrhundertbau hätte man Schweinfurt nun wirklich nicht gegönnt!

Kommentar verfassen