Meine Eltern waren große Sammler von Antiquitäten. Ich nehme an, dass die heutigen Antiquitätenhändler in Bamberg lachen würden über die Umsätze, aber die Zeiten waren damals andere und der Kunstmarkt auch.
Es gab in der Karolinenstraße und Umgebung einfach noch nicht so viele Händler und deren Angebot war bescheidener und deutlich säkularer.
Ich erinnere mich an „den Senger“ und an „den Wenzel“. Zu beiden hatte besonders mein Vater ein inniges Verhältnis, was darauf beruhte, dass man sich gegenseitig mit „Sprüch“ zudeckte.
Einmal standen wir vor dem Senger und mein Vater erzählte uns irgendetwas. Dann betraten wir den Laden, wo uns Herr Senger mit den Worten begrüßte:
„Ich hab scho g´sehn, wie Sie draussn gstanna sen und gsecht ham: <Etsert geh mer nei und ärchern den Senger>“.
Genau so war es auch, denn mein Vater verkroch sich in einen Barockschrank und als er wieder daraus hervorkam, meinte er nur: „Da habt ihr aus einem zwei bis drei gemacht!“
Das stritt Herr Senger natürlich vehement ab und beim Rausgehen verabschiedete sich mein Vater mit den Worten: „Was den Dritten angeht, glaube ich Ihnen.“
Im Wenzel´schen Antiquitätenladen bot er einmal dem Besitzer an, ihm seine Flinte zu leihen, weil die Holzwurmlöcher stammten ja wohl von „Schrödn“, aber da hätte wohl jemand dilettantisch auf die Rokokokommode geschossen.
Man liebte ihn wegen der Käufe aber man hassliebte ihn wegen der „Sprüch“.
Bei uns Kindern war es umgekehrt, denn wir sahen diesen Antiquitätenfimmel äußerst kritisch. Immer wenn wir neue Ski brauchten, hieß es, dazu seien gerade die Holzpreise zu schlecht. Für ein Tässchen hier und ein Silberbesteck da reichte es allerdings immer und deshalb nannten wir die herumstehenden Antiquitäten „die Paar Skier“.
Die Eltern machten das Spielchen mit. Nicht selten kamen sie aus Bamberg zurück und verkündeten, sie hätte wieder mal Skier gekauft.
Am liebsten gingen sie zur „alten Gürtlerschen“. Frau Gürtler war eine echte Fränkin und führte einen, wie sie es nannte, Antiquitätenhandel, es war wohl eher ein Trödelladen. Immerhin gab es dort „Trouvaillien“, und deshalb besuchten sie die Eltern oft.
Wenn ein Stück selbst in den Augen von Frau Gürtler zweifelhaft war, dann wog sie es in der Hand und sagte: “Des Ding is ned andigg, des is höxdens andünn.“
Mein Vater war, wie er selbst sagte, „ein großer Freund des Baren.“ Er zahlte nie mit einem Scheck, geschweige denn einer Kreditkarte.
Frau Gürtler wusste daher nicht, wer er war, und weil er immer jede weibliche Begleitung als seine neue Frau, Geliebte oder Schwiegermutter ausgab, wurde die Gürtlersche immer neugieriger. „Wer ner der Fregger wiedä sei moch?“
Eines Tages kam meine Mutter allein in den Laden. Da fasste Frau Gürtler die Gelegenheit beim Schopf und fragte, wer denn der Herr sei, mit dem sie neulich hier gewesen sei.
Die Befragte fiel nicht auf die Attacke herein, vielmehr fragte sie zurück, wer sie denn denke, dass er sei.
Grau Gürtler grübelte kurz und stellte dann fest: „Endwedä a frängischer Baron oder a jüdischer Rechtsanwald.“
Mein Vater sonnte sich noch wochenlang in der Aura des Rechtsgelehrten.