Als ich elf Jahre alt war, beschlossen meine Eltern, ich hätte eine Begabung für das Cellospiel. In Schondorf im Internat bekam ich Cello Unterricht im Musikzimmer unter den gestrengen Blicken der vier Apostel von Albrecht Dürer. Noch heute denke ich, die vier Herren müssten mir gram sein.
Meine Lehrerin war Frau Raba. Sie war die Cellistin im damals sehr bekannten Raba Trio. Es war die Zeit der Glockenröcke. Dieser Mode versagte sich auch meine Cellolehrerin nicht. Man muss sich diese Röcke vorstellen, als seien sie Schweizer Kuhglocken, nur halt aus Stoff: oben ausufernd, um die Knie eng, so dass die Damen allerliebst trippelten.
Als ich zur ersten Unterrichtsstunde erschien, fragte ich mich, wie die Lehrerin mit diesem engen Rock wohl Cello spielen werde. Bevor sie sich hinsetzte, zog sie – ritsch, ratsch – an zwei Reißverschlüssen, der Rock öffnete und gab verborgene Falten frei, so dass sie das Cello zwischen die Beine nehmen konnte. Ich habe die erste Stunde im Zustand sittlicher Benommenheit in Erinnerung.
Ach Du Schönes Cello, so heißen die Saiten von links nach rechts vom Spieler aus gesehen. Das Problem war, dass ich beim Bespielen der A-Saite Gänsehaut bekam. Wer übt schon gern ein Musikinstrument, wenn er dabei von Gänsehautanfällen geschüttelt wird? Hinzu kam, dass mein kleiner Finger noch zu schwach war und schmerzhaft durchdrückte, sollte er eine Saite niederhalten. Ein erfahrener Musikpädagoge hätte schnell merken müssen, dass das mit mir und dem Cello keine Liebesehe werden würde. Aber Frau Raba war jung und brauchte das Geld. Sie erzählte mir, sie mache vom Vorspiel ihrer Schüler immer Tonbandaufnahmen. Bei mir kam es nie dazu, wohl auch deshalb, weil ich fast nie übte.
Dennoch war ich irgendwie stolz darauf, dass ich das internatseigene Halbcello bespielen durfte. Ich spielte meinem Bruder vor. Der behauptete später, ich hätte einmal bravourös über alle vier Saiten gestrichen. In meiner Erinnerung trug ich den Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ vor.
Die wöchentliche Cellostunde wurde eine ständige Probe der Demut, denn es stellte sich heraus, dass neben meiner Unlust zum Üben noch ein vollkommenes Fehlen des Gefühls für Takt hinzukam. Frau Raba stellte ein Metronom auf, ich leierte die Etüden runter. Frau Raba führte mir die Hand, dagegen wehrte ich mich, Frau Raba spielte mit mir, ich war immer vorher fertig. Es war schrecklich.
Offenbar erkundigte sich die Musiklehrerin, Fräulein Lohmann, irgendwann nach meinen Fortschritten, denn es war ein Vorspielen aller derjenigen geplant, die ein Instrument erlernten.
Nun war Frau Raba beim Ehrgeiz gepackt und sie bläute mir eines der Haydn Stücke ein, in denen die Cello Partie für den Fürsten Esterhazy besonders leicht gehalten war. Christiane Horn, eine musikbegnadete Klassenkameradin, sollte mich am Klavier begleiten. Wir übten und sie fand den Bogen heraus, mir durch meine synkopische Interpretation Haydns zu folgen – ein musikalisches Genie.
Es kam der Tag der Aufführung. Ich saß in der ersten Reihe, von unter dem Klavier schaute mich das Cello herausfordernd an. Nach einer furiosen Orgeldarbietung, die Gudrun von Eichel gab, waren Christiane und ich dran.
Ich bückte mich, um das Cello hervorzuholen. Es machte ratsch und mein dem Publikum zugewendeter Hosenboden riss. Ich hatte die Lacher auf meiner Seite, immerhin.
Ich setzte mich auf meinen Stuhl stimmte das Cello erst gar nicht und begann ohne Christiane prestissimo meine Cello Suite runterzuleiern. Irgendwann setzte auch Christiane ein und es gelang, gemeinsam aufzuhören.
Danach habe ich nie wieder ein Cello angerührt.